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Interview mit Torsten Lieberknecht

Das Wintertrainingslager hat der MSV erneut an der portugiesischen Algrave verbracht. Der 1. Vorsitzende der Zebraherde war ebenfalls vor Ort und hat sich Trainer Torsten Lieberknecht zum Interview geschnappt. Wir möchten Torsten und dem MSV für die tolle Zusammenarbeit danken und freuen uns schon auf die Neuauflage im Januar 2020.

Wie hast du dich in Duisburg mit deiner Familie eingelebt?

Sehr gut! Ich habe immer gesagt, dass ich es, unabhängig von der sportlichen Situation, keinen Moment bereut habe, nach Duisburg gegangen zu sein. Es war uns sehr wichtig, schnell mit der gesamten Familie umzusiedeln und nicht pendeln zu müssen. Wir wollten das zusammen machen, um auch den Kindern schnell Anschluss zu ermöglichen, sei es in der Schule oder in den lokalen Sportvereinen. Ich kann sagen, dass wir uns hier richtig wohl fühlen und ich weiß jetzt, warum der Pott so von den Leuten geliebt wird. Wir genießen sehr was wir bisher gesehen haben und gehen viel unter die Leute, um hier viel kennenzulernen.

Was waren deine ersten Eindrücke und was hat dich beeindruckt?

Ich stand noch nie vor einer stillgelegten Zeche. Das im Duisburger Landschaftspark live zu sehen und direkt davor zu stehen war schon sehr beeindruckend. Da hat man immer nur von gehört und auf einmal stehst du vor so einem riesigen Hochofen und erkennst warum das Ruhrgebiet so geprägt ist. Einfach super!

Die Zebraherde hat vor einigen Wochen eine Lesung der Wochenendrebellen veranstaltet. Die beiden kommen aus Kassel und es kam zur Sprache, dass die Mentalität im Ruhrgebiet eine sehr besondere ist. Die Umgangsformen sind etwas schroffer und die Menschen sehr direkt. Ist das auch dein Eindruck und wie bist du bisher damit zurecht gekommen?

Vom Empfinden her glaube ich, dass viele Bundesländer und Regionen es in Anspruch nehmen wollen, als schroff zu gelten. In Niedersachsen war das bereits so und wir Pfälzer haben ja auch durchaus unsere Eigenarten, aber vom Ruhrgebiet höre ich das jetzt tatsächlich zum ersten Mal. Was ich aber gemerkt habe, ist, dass es immer darauf ankommt, wie man selber auf die Leute zugeht und ihnen begegnet. Verhälst du dich arrogant, wirst du immer auch die entsprechende Reaktion bekommen und kannst keinen Anschluss finden. Ich persönlich bin ja hauptsächlich geprägt durch den Fußball und das kann ich ganz eindeutig hier merken. Das Ruhrgebiet ist einfach das Herz des Fußballs in Deutschland und von daher schon etwas ganz besonderes. Egal wo hast du überall individuelle und regionale Eigenschaften, aber es kommt immer darauf an, wie man den Leuten begegnet und ich habe hier bisher nur positive Erfahrungen gesammelt und noch nicht das Gefühl gehabt, mit jemanden besser kein Bier mehr trinken zu gehen.

Du wurdest in einem Interview einmal als Fußballromantiker bezeichnet. Was bedeutet das für dich?

In meiner Familie waren schon immer alle extrem fußballbegeistert, was einen prägenden Einfluss auf mich hatte. Meine beiden Brüder haben früh Fußball gespielt und das auch sehr erfolgreich. Dann hast du in der Pfalz den 1. FC Kaiserslautern, der omnipräsent ist. Wir brauchen nicht darüber zu diskutieren, dass der 1. FCK in der in der Historie des deutschen Fußballs eine wichtige Rolle einnimmt. So beginnt die Romantik im Fußball. Wenn man als Kind bereits den Fußball liebt wie er entstanden ist, wie sich die Fankultur entwickelt hat, dann entwickelt man schon eine sehr enge Bindung. Fußballromantik sind für mich alte Stadien mit Holzbänken und einer Laufbahn um das Feld, eine Bratwurst essen, Bier trinken und beim Spiel auf den Rängen auch mal vom Regen durchnässt werden. Ich liebe den Fußball in all seinen Facetten, bin aber auch Realist genug, um zu erkennen, dass wir jetzt in einer anderen Zeit angekommen sind, in der ich nicht alles gut finde.

Warst du früher auch selber in der Kurve?

Ja klar! Mit meinen Brüdern war ich oft zusammen in Lautern auf dem Betzenberg. Damals habe ich sogar eine Dauerkarte gehabt und es war immer gang und gebe, am Samstag nach Lautern zu fahren. Auf dem Weg haben wir immer in Neustadt angehalten und Butterbrezn am Kiosk geholt, bevor es weiterging und dann auf die West. Dort bin ich auch das erste Mal mit Pyrotechnik in Kontakt gekommen. Grade bei Kaiserslautern hieß es ja immer „Der Betze brennt“ und da standest du dann halt mal mittendrin, aber immer als ganz normaler Fan der Mannschaft.

Ich bin ja noch dabei mich hier einzuarbeiten, es ist mir allerdings sehr wichtig auch hier in Duisburg die Fanszene kennenzulernen, denn die ist das Herz eines jeden Klubs. Hier im Trainingslager habe ich schon einige treffen dürfen und konnte mit ihnen ins Gespräch kommen. Aus diesen Gesprächen nehme ich immer sehr viel mit, was mich auch in meinem Denken und Handeln beeinflusst. Es gibt immer unglaublich viele Facetten in jeder einzelnen Fanszene. Ich halte es für sehr wichtig, jeden Fan anzusprechen und abzuholen. Das gehört für mich einfach dazu und insbesondere wenn die sportliche Situation nicht so prickelnd ist, bekommt man über die Fans oft eine ganz andere Perspektive auf die Dinge. Dazu gehört auch konstruktive Kritik, aber letztendlich verfolgt man ja das gleiche Ziel und das kann man nur gemeinsam erreichen. Die große Anzahl an Fans, die uns hierher nach Portugal gefolgt sind, hat mich schon beeindruckt.

Hast du noch Kontakt zu deinem Heimatverein?

Meine beiden Brüder leben ja noch in der alten Heimat und einer der beiden war auch im Verein als Trainer tätig, sodass da noch eine Bindung bestehen geblieben ist. In meinem alten Heimatverein bin ich Ehrenmitglied geworden und da verfolge ich die Entwicklung schon und werfe regelmäßig einen Blick auf die Tabelle. Aber ich schaue auch auf die anderen Vereine, bei denen ich gespielt habe und verfolge die jeweilige Entwicklung.

Was hättest du dir beruflich vorstellen können, wenn du nicht Fußballtrainer geworden wärst?

Ich bin ja bereits mit 16 von Zuhause ausgezogen und nach Kaiserslautern gezogen. Zum 1. FCK bin ich aber erst zur A-Jugend gewechselt, da in noch bei meinem recht kleinen Heimatverein bleiben wollte. Als Pfälzer war es eigentlich immer klar, dass du, auch wenn Angebote aus Stuttgart, Bayern oder Leverkusen da waren, nach Lautern gehst. In der Zeit habe ich dann auch eine Ausbildung im Rathaus in der Verwaltung gemacht. Über den Verein gab es damals die Möglichkeit der Ausbildung und die habe ich ergriffen. Hätte es mit dem Trainer nicht geklappt, säße ich heute womöglich in Lautern als Beamter im Sportdezernat.

Ihr habt ins Trainigslager auch drei Spieler der aktuellen U19 mitgebracht. Siehst du da womöglich den nächsten Terodde heranreifen?

Es sind ja nicht nur die drei Spieler mitgekommen, sondern mit Uwe Schubert auch der Leiter des Nachwuchszentrums. Ich halte es für sehr wichtig einen engen Kontakt zu pflegen und sich permanent auszutauschen. Insgesamt sind ja sogar sieben Spieler hier, die aus dem eigenen Nachwuchs stammen. Die drei, die jetzt mit dabei sind und auch noch in der U19 kicken, haben eine absolute Berechtigung mit dabei zu sein. Aus sportlicher Sicht sind sie mehr als nur förderungswürdig und ich sehe sehr viel Potenzial bei jedem von ihnen. Wie die Entwicklung letztendlich läuft, lässt sich aber nie zu 100% vorhersagen. Die Jugendarbeit ist in allen Belangen immer von einer sehr großen Bedeutung.

Mit Seo kam zu Beginn der Saison ein junger und quirliger Spieler, der sich so langsam zum Publikumsliebling entwickelt, aus dem Nachwuchs des HSV. Wie möchtest du ihn fördern und fordern?

Er wurde ja gegen den HSV mehr oder mindern ins kalte Wasser geworfen. Mit seinen Leistungen in dem Spiel und in den darauffolgenden Trainingseinheiten hat er mich überzeugt und sein Potenzial gezeigt, was er zuvor auf dem Trainingsplatz noch nicht so zeigen konnte. Er ist noch ein sehr junger Spieler, der einfach etwas Zeit gebraucht hat, aber die Verpflichtung zeigt auch, dass der MSV gut gescoutet hat und mit ihm eine sehr ernsthafte Konkurrenz in der Verteidigung geholt hat. Bei allem Lob darf man aber auch nicht vergessen, dass er im Spiel gegen den HSV zwar insgesamt sehr gut gespielt hat, das Gegentor jedoch aus seinem Fehler resultierte. Diese Erkenntnis nimmt man mit und arbeitet weiter an der Entwicklung des Spielers.

Die Duisburger Fußballwelt hat vor allem in den Heimspielen nicht viel positives sehen können und grade das Spiel gegen Dresden kann wohl als Tiefpunkt bezeichnet werden. Wie möchtest du die Gunst der Zuschauer zurückerobern?

Fakt ist ja zunächst einmal, dass auch in der letzten Saison nicht viele Heimspiele gewonnen werden konnten. Warum das so ist und sich auch über die Saison hinweg zieht, kann ich nicht beantworten. Das ist aber schon eine Frage, der man nachgehen sollte, denn grade Heimspiele sollten die Basis für den Erfolg darstellen. Das Spiel gegen Dresden klammer ich da erstmal aus, da dort wirklich viel schief gelaufen ist. Gegen den HSV gehen die Leute nach Hause und sind mit dem Spiel an sich vielleicht zufrieden, gewonnen hast du aber trotzdem nicht. Was wir wollen, ist als Einheit auftreten, in den 90 Minuten der Partie alles geben und am Ende den MSV siegen sehen. Wir brauchen definitiv Durchhaltevermögen und einen langen Atem. Die Heimspiele müssen die Highlights sein, bei denen wir als gemeinsam mit den Fans alles für den Sieg tun.

Lieber Torsten, wir danken dir recht herzlich für dieses Interview und die Zeit, die du dir dafür genommen hast. Dir und der Mannschaft wünschen wir viel Erfolg für die Rückrunde und wir sind uns sicher, den Klassenerhalt als Einheit zu erreichen.

Autor: Marcel Eichholz
Datum: 22.01.2019
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