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Duisburg, amore della mia vita!

Während wir bei jedem Spiel die Chance haben ins Stadion zu gehen, gibt es Einige von uns, welche dies leider nicht können. Die Einen zog es wegen der Liebe ins Ausland, die Anderen haben berufliche Chancen genutzt und Duisburg verlassen, wieder Andere von uns sind gar keine Deutschen.

Wie es sich anfühlt, wenn man Siege wie gestern verpasst, ist wohl schwer nachzuempfinden, aber es ist schon sehr spannend, was einen Römer aus Italien zum Meidericher SV bringt und wie unsere Stadt und unser Verein aus der Entfernung wahrgenommen wird.

Andrea di Sciullo aus Rom stand für uns Rede und Antwort. Er berichtet, was für uns manchmal viel zu selbstverständlich scheint. Seinen Charme werdet ihr in den Antworten wiederfinden, welche so herrlich italienisch klingen.

Grazie mille, Andrea!

Andrea, du bist ein Römer und lebst in Italien. Trotzdem können wir das Interview auf deutsch führen, woran liegt das?

Ich habe einige Jahre in Deutschland gelebt. Für mich war es schon immer eine alte Leidenschaft für Deutsch, weil ich als Kind viel Zeit vor dem Fernseher verbracht habe, um Krimiserien wie „Derrick“, „Siska“, „Der Alte“ oder „Schimanski“ zu schauen. Im Laufe der Jahre ist die Neugier allmählich gewachsen, das hat zugenommen und mich dazu veranlasst, tiefer zu gehen, also habe ich Serien oder Filme auf google auf Deutsch durchsucht, und dies hat mir sicherlich geholfen, die Sprache besser zu verstehen, auch dank meines Studiums. Ich verstehe Deutsch sehr gut, doch ich spreche es zu selten. Tatsächlich kommt die die Liebe zur Sprache aus den Serien der 80er.

Das heißt, wenn du deine Familie in Deutschland mal wieder besuchst, werden wir dich also auch mal wieder im Wedaustadion treffen?

Sicher! Obwohl ich mit viel Lernen und Arbeiten leider nicht immer reisen kann, wäre eine Rückkehr ins Ruhrgebiet eine große Freude für mich, das Stadion zu besuchen ist eines meiner größten Ziele!

Nun könnte man ja glauben, dass du in Italien so einige Traditionsvereine hast, für die dein Herz schlagen könnte und doch ist es der MSV Duisburg. Was verbindet dich mit dem Verein?

Was mich an dem MSV immer beeindruckt hat, ist das Herz. Auch in den negativsten Jahren, in denen die Fans immer mit Leib und Seele hinter der Mannschaft gestanden haben. Meine erste Erinnerung daran ist ein Spiel der Saison 2005/06. Ich erinnere mich nicht genau, an welchem Tag es war, aber es war das Spiel MSV gegen Kaiserslautern, welches mit 2: 2 endete. Ich war im Urlaub in Deutschland mit meinen Verwandten, und mein Onkel Diego, der meine Leidenschaft für Fußball kannte, riet mir, ins Stadion zu gehen und sagte: "Du wirst es nicht bereuen!"

Er kennt mich auch als Fan einer italienischen Mannschaft, aber er war beeindruckt von dem deutschen Umfeld, was auch wirklich beeindruckend ist. Unter den Fans herrscht eine Herzlichkeit und ein Gespür, das sehr an ein italienische Fans erinnert. Ich habe in Deutschland einige Stadien gesehen, und ich sage, es ist es schwierig, ein leidenschaftlicheres Umfeld zu finden, wie in Duisburg!

Was mochtest du an der Stadt Duisburg und dem Ruhrgebiet? Was vermisst du?

In Duisburg hat mir die Herangehensweise der Menschen gefallen, sie haben eine entschlossene Einstellung, sie sind direkt und ohne zu viele Worte, obwohl ich ihre Sprache nicht gut beherrschte, haben sie mich als Freund aufgenommen, sie waren alle sehr tolerant.

Ich habe in Duisburg fast zwei Jahre gelebt, wo ich die Sprache bei einem Professor einer örtlichen Schule lernte. Trotzdem konnte ich mich mit den Einheimischen anfreunden. Tatsächlich habe ich dort einen lieben Freund, Josef "Dr Jupp" mit dem ich die Erinnerungen und vor allem Euer wunderbaren „Ruhrpott-Dialekt" am leben halte, das in den Jahren in denen ich dort war, mein hochdeutsch beeinflusst hat, ... wie wütend er war!

Was ich am meisten vermisse, ist das Hafengebiet, die Kneipen, die Imbissbuden, die Currywürste. Die Atmosphäre in Duisburg und im Ruhrgebiet ist eine besondere Atmosphäre. Was mich auch fasziniert hat, ist die Ähnlichkeit der Duisburger Arbeiterviertel mit denen von Rom, auch wenn die Bürger trotz der offensichtlichen kulturellen Unterschiede das gleiche Temperament und die gleiche Art haben und das fand ich sofort brillant.

Wie sieht dein Alltag in Italien aus, was machst du beruflich?

Ich bin ein Doktorand in Literatur und Philosophie mit Spezialisierung auf deutsche Literatur, ich bin zurzeit ein Praktikant an Gymnasien und ich unterrichte Italienisch und ich versuche, das gesprochene Deutsch am Goethe-Institut in meiner Stadt weiter zu verfeinern.

Jetzt gibt es in Duisburg einige gute Fußballbücher wie „Mehr als Fußball" von Kees Jaratz, oder „So lonely" von Michael Wildberg, aber für welchen klassischen deutschen Dichter & Denker schlägt dein Herz?

Ich lese gerne Bücher über Fußball und Sport im Allgemeinen. Ich liebe Sportgeschichten und kenne all die Leiden und Legenden, die sich hinter den Anstrengungen und der Konzentration verbergen, die ein Sport mit sich bringt.

Die, die du erwähnt hast, sind zwei großartige Bücher. Das von Kees Jaratz ist wirklich schön. Ich habe sie ein paarmal gelesen und ich denke, sie fassen zusammen, was der MSV Duisburg für diejenigen bedeutet, die ihn lieben.

Auf jeden Fall liebe ich Goethe, Nietzsche Bertolt Brecht, Hermann Hesse, wenn es um Literaturlegenden geht, aber ich liebe auch Unterhaltung, ich liebe Thriller. Ich lese gerne Sebastian Fitzek, Friedrich Ani, Kobr und Klupfel!

Zurück zum Thema Fußball. Duisburg ist weit und neben deinem Studium nicht mal eben zu schaffen. Wo treibt dich deine Fußballleidenschaft also hin, zum AS Rom?

Der AS Roma ist für mich und für alle Römer im Allgemeinen ein Kulturgut im Fußball. Es kann passieren, dass du ein Spiel verpasst, aber es ist wirklich unmöglich, nicht zu wissen, wie es ausgegangen ist oder was sich auf dem Spielfeld getan hat. Wir haben eine sehr tiefe Beziehung zu ihm, zu unserem Team.

Dem MSV, folge ich wenig körperlich, auch wenn ich niemals ein Spiel oder ein Ergebnis aus den Augen verliere, ich schaue mindestens immer die Nachrichten der Lokalzeit im WDR. Mittlerweile haben Smart-TVs die Grenzen verkleinert und Duisburg und Deutschland sind nicht weit weg und es ist eine schöne Möglichkeit, mit einem Land oder einer Stadt in Kontakt zu bleiben.

Wo sind die Unterschiede in der Fankultur zwischen Deutschland und Italien?

Gerade in der Einstellung habt auch ihr eine sehr leidenschaftliche Fanszene. Es gibt eine Menge Leidenschaft und Fußball in Italien. Fußball ist oft ein Mittel, um ihre eigenen Unzufriedenheiten aufzuzeigen. Dann gibt es noch die Ultras-Welt, von der ich denke, dass sie mehr oder weniger auf der ganzen Welt gleich ist, einige sind tugendhafte Beispiele, andere weniger ... aber auch diese sind ein Teil des Fußballs! Es gibt Schönheit und Hässlichkeit...

Wie schätzt du die aktuelle Saison des MSV ein und was tippst du wo wir zum Ende der Saison stehen könnten?

Die aktuelle Saison ist sehr interessant, da die momentane Platzierung für ein Aufstiegsrennen in die zweite Liga machbar ist. Gleichzeitig ist die Liga kein Spaziergang und bestimmte Leichtigkeiten auf dem Feld zahlen sich sehr teuer aus, manche Unentschieden und bestimmte Niederlagen waren wirklich vermeidbar, aber ich bin mir sicher, dass das Team mit Entschlossenheit und harter Arbeit den ganzen Weg gehen können. Ich hoffe es wirklich!

Wann dürfen wir dich mal in Duisburg begrüßen?

Ich hoffe wirklich, nach Duisburg zurückzukehren, vielleicht sogar als Lehrer! Wer weiß? Vor allem um den MSV hautnah zu erleben! Das Stadion, das Training der Mannschaft, kurzum, ein volles eintauchen in blau weiss...

Autor: Marcel Eichholz
Datum: 05.11.2019
gelesen: 98 mal

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