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Auf ein Wort mit... Sven Vandenbroek

Sven, erst Kamerun, dann Sambia und jetzt Tansania. Was ist für dich das Besondere am afrikanischen Fussball?

Hier ist nichts vorhersehbar, da du nicht weißt, was heute passieren wird, von morgen oder nächster Woche ganz zu schweigen. Aber die Menschen hier leben den Fussball. Es ist unglaublich emotional.

Kannst du uns vielleicht kurz ein Erlebnis schildern, das für Europäer nur schwer zu begreifen ist. Etwas, das hier so nicht vorkommen würde?

Es ist immer wieder faszinierend, aber erschreckend zugleich, den “Marabou” (Wunderheiler, Zauberer; Anm. d. Red.) zu erleben. Er behandelt die Spieler mit Vodoo und Rasierklingen. Er schneidet in ihr Fleisch, um die bösen Geister zu vertreiben. Von sowas habe ich noch nie in Europa gehört.

Ein anderes Erlebnis war, als wir in Kamerun gewonnen hatten. Wir mussten für uns einen Transport zwischen den beiden größten Städten Kameruns organisieren, da wir den letzten Flug schon verpasst hatten. Normalerweise bedeutet das eine fünfstündige Fahrt. Für uns haben sie einfach einen Linienflug von Kinshasa (DR Kongo) nach Yaounde umgeleitet, um uns in Douala abzuholen. Wenn du in Afrika gewinnst, ist alles möglich!

Du bist nun Chef-Trainer beim tansanischen Rekordmeister Simba S.C. Sind dort die Strukturen vergleichbar mit denen von anderen Spitzenclubs in Afrika?

Oh nein! Die kann man nicht vergleichen. Simba will sich zwar stetig verbessern, aber wir sind noch weit davon entfernt, ein professionelles Umfeld zu haben. Videoanalysen sind noch vollkommen unbekannt, medizinische Betreuung wird nicht so wichtig eingeschätzt und wenn ein Spieler einen Vertrag bekommt, dann ohne jeglichen vorherigen medizinischen Check-up.

Hier muss noch viel passieren und viel Arbeit aufgebracht werden. Dies bedeutet aber auch ein zusätzliches Budget, welches nicht immer vorhanden ist. Der Umsatz ist sehr niedrig, da weder Marketing, noch Merchandising bestehen. In Kamerun z.B. verdient ein Fussballspieler in der höchsten Spielklasse zwischen 100 und 200$ pro Monat.

Du hast zwar noch gute zwei Jahre Vertrag bei Simba, aber lass uns mal ein wenig in die Zukunft blicken. Wenn du dir deine weitere Trainerkarriere selbst aussuchen dürftest, würdest du lieber die Champions League mit Simba gewinnen, einen europäischen Spitzenclub wie Real Madrid oder den MSV Duisburg trainieren oder doch lieber unsere Tan Zebras übernehmen?

Nachdem ich mit Simba die tansanische Meisterschaft gewonnen haben werde, will ich mit dem Verein so weit wie möglich in der Champions League kommen. Später würde ich gerne in Europa weitermachen.

Mit Mbwana Samatta, einem ehemaligen Spieler von Simba, wurde gerade ein Tansanier von RC Genk für 10 Millionen Pfund nach Aston Villa transferiert. Können wir uns in den nächsten Jahren auf weitere Stars aus Tansania in den europäischen Top-Ligen freuen?

Ich hoffe es. In Süd-Ost-Afrika gibt es viele gute, talentierte Spieler mit feiner Technik. Sie sind anders als Spieler aus Zentral oder West Afrika, die eher robuster und grösser sind. Sie sind auch mental etwas anders. Tansanier sind in der Regel eher schüchtern. Vielleicht haben auch deshalb nur so wenige den Sprung in europäische Spitzenmannschaften geschafft. Sollte Samatta sich in England durchsetzen, könnte es die Türen für neue Spieler nach Europa öffnen.

Wie bekloppt hört es sich für dich an, dass Fans des MSV Duisburg ein Straßenfußballteam in einem Vorort von Dar Es Salaam gegründet haben?

Das ist schon sehr bekloppt und ungewöhnlich. Aber zugleich auch sehr bravourös und bewundernswert. Ich befürworte solche Initiativen. Soziale Projekte sind willkommen und notwendig, aber ich weiß auch, wie schwierig gerade hier sowas ist und wie viel Arbeit dahinter steckt.

Der MSV wurde unter Rudi Gutendorf Vize-Meister. Er hält mit 18 Stationen als Nationaltrainer den alleinigen Rekord. 1981 trainierte er auch Tansania. Wäre das nicht auch eine Herausforderung für dich?

Die Nationalmannschaft von Tansania zu betreuen wäre in der Tat eine schöne Sache, da ich das Land liebe und das Leistungsniveau insgesamt recht gut ist. In den letzten Jahren hat sich der Fußball hier sehr entwickelt. Es könnte für mich in der Tat ein Schritt zu höher gestellten Nationalmannschaften sein.

Teile der MSV Fans haben eine Freundschaft zu De Graafschap in den Niederlanden. Einen Club, bei dem du selber mal aktiv warst. Welche guten Erinnerungen hast du noch an diese Zeit?

Ich habe es sehr gemocht, da ich dort auch viel gelernt habe. In den Niederlanden wird ein offensiver und taktisch sehr anspruchsvoller Fussball gespielt. Dort wurde ich zu einem besseren Fußballer. De Graafschap hat ein 10.000 Zuschauer fassendes Stadion, in dem immer eine gute Atmosphäre herrscht. Die Fans haben uns stark geholfen und uns zu manchem Punkt verholfen.

Zurück nach Afrika. Wie siehst du die Zukunft von Simba SC? Und auch deine eigene?

Ich glaube, wir haben sehr gute Chancen diese Saison Meister zu werden. Unser Kader ist sehr gut aufgestellt für die erste Liga, aber wir brauchen ein sehr viel höheres Niveau für die Champions League. Auf der CL liegt unser Hauptaugenmerk.

Für mich selber würde ich mir einen Verein in Europa wünschen. Meine Ansprüche gehen über Afrika hinaus, auch wenn ich natürlich gerne ein Nationalteam wie Ghana, Nigeria oder die Elfenbeinküste als Herausforderung annehmen würde. In Nordafrika gibt es auch zahlreiche ambitionierte Clubs wie Al Ahly und Zamalek in Ägypten, Wydad und Raja in Marrokko oder Esperance in Tunis. Diese Meisterschaften haben ein sehr hohes Niveau.

Sven, die Zebraherde dankt dir herzlich für das Interview und wünscht dir weiter viel Erfolg - egal, ob in Afrika oder Europa!

Autor: Zebraherde
Datum: 13.02.2020
gelesen: 26 mal

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