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Interview mit Michael Meier - Teil II

Wir waren euch da noch was schuldig. Hier gibt es nun also Teil II unseres Interviews mit Michael Meier. Es erwarten euch zahlreiche Anekdoten und Blicke hinter die Kulissen, die man sich so kaum vorstellen kann. Zudem haben wir mit Michael über die aktuelle Situation und ihre Auswirkungen auf den Spielverein gesprochen, aber lest selbst...

In 25 Jahren als Sicherheitsberater hast du mit Sicherheit einige kuriose Dinge erlebt. Was ist dir beruflich in besonderer Erinnerung geblieben?

(lacht) Eine Rückfahrt aus Rostock ist mir in Erinnerung geblieben. Ich saß mit der Mannschaft im Bus und an jeder Ampel in Rostock hielt ein Auto mit Rostocker Fans vor uns und haben uns aufs Übelste beleidigt. Einer unserer Spieler ist dann zum Busfahrer gegangen und hat ihm gesagt, er solle an der nächsten Ampel mal die Tür aufmachen. Gesagt - getan! Der Bus hielt, die Tür ging auf und unser Spieler ging auf die Rostocker zu. Denen sind vielleicht die Gesichtszüge entgleist. Aber von da an war Ruhe und das Auto haben wir nicht mehr gesehen.

Dann war da noch das Pokalhalbfinale in Trier. Ein Reporter hat wohl im TV gesagt, dass ab dem nächsten Morgen Karten für das Finale in der Geschäftsstelle in Meiderich erhältlich sein sollen. Die Geschäftsstelle war aber auch mit alle Mann in Trier und wir haben uns auf einen späteren Arbeitsbeginn am nächsten Tag geeinigt - wir hatten von der Äußerung des Kommentators ja nichts mitbekommen. Zum Glück habe ich damals in der Nähe der Geschäftsstelle gewohnt und war trotzdem recht früh da. Als ich um die Ecke bog, war der gesamte Parkplatz rappelvoll mit Fans, die Karten wollten und teilweise die ganze Nacht vor der Geschäftsstelle ausgeharrt hatten. Wir haben dann alle abgearbeitet und spontan Zettel erstellt, die zum Kauf einer Finalkarte berechtigten. Hinterher sind wir dann zu zweit nach Frankfurt in die DFB-Zentrale gefahren, um alles für das Finale abzusprechen. Vor Ort wurden uns dann zwei Sporttaschen randvoll mit Eintrittskarten für das Endspiel in die Hand gedrückt. Wir waren aber erst um 22 Uhr zurück in Duisburg und wussten nicht wohin mit den Karten. Was war? Die Karten haben dann in meinem Auto im Kofferraum in der Garage übernachtet. Meine Nacht war dementsprechend nicht so ruhig mit dem Wissen, dass gut 1 Million an Wert bei mir in der Garage war.

Ein letztes Highlight war für mich noch die Auslosung der Pokal der Pokalsieger in Monte Carlo. Wir waren ja nur da, weil Bayern schon für die Champions League qualifiziert war und wir als Pokalfinalist nachgerückt waren. Vor Ort war zeitgleich noch die Ehrung für Europas Fußballer des Jahres und wir waren im Fürstenpalast zum Abendessen eingeladen.

Das sind so Erlebnisse, die werde ich mein Leben nicht mehr vergessen.

Emotional hat mich der Lizenzentzug extrem getroffen. Der hätte einfach nicht sein dürfen und meine Frau hat mir im Nachgang erzählt, dass sie mich so noch nie erlebt hat.

Apropos Pokalfinale - Zweimal konnte der MSV während deiner Dienstzeit das Finale erreichen. 1998 und 2011 standen die Zebras im Berliner Olympiastadion auf dem Finalrasen. Wie unterscheidet sich ein Pokalfinale vom Liga-Alltag?

Bei diesen Spielen hat man eine ganz andere Vorfreude, als bei einem normalen Ligaspiel. Die Stimmung und Anspannung ist eine gänzliche andere. Vor dem Finale gegen Bayern 1998 gab es zum Beispiel am Abend zuvor ein gemeinsames Essen mit Vertretern des DFB und von Bayern. Es gab gegenseitige Geschenke - Bayern bspw. hat eine Grubenlampe von uns bekommen - es wurden Reden gehalten und man hatte einfach eine tolle Zeit. Zum Spiel brauche ich ja keine großen Worte verlieren…

Du hast noch Spiele des MSV auf internationaler Bühne erlebt. Auf welches Spiel blickst du besonders gerne zurück?

Ich kann mich noch besonders gut an die beiden Spiele gegen Genk erinnern. Bereits damals gab es ja die Auflage von der UEFA, dass Stehplätze verboten sind. Nun hatten wir in Duisburg ein echtes Problem, gab es bei uns doch fast nur Stehplätze. Wir haben uns dann besprochen und beschlossen, auf der Gegengeraden Sitzplätze zu montieren. Wir haben also Löcher gebohrt, als gäbe es kein Morgen mehr und die gesamte Gerade durchlöchert wie einen Schweizer Käse, um anschließend Bänke zu montieren. Nach dem Spiel natürlich alles in umgekehrter Reihenfolge, die Löcher mussten ja wieder geschlossen werden.

Persönlich habe ich dann noch mit dem Präsidenten von Genk gewettet, dass sie auf gar keinen Fall das Rückspiel gewinnen. Sollten sie in der Halbzeit führen, würde ich persönlich mit einem Spaten aufs Feld gehen und den Rasen umgraben, damit das Spiel abgebrochen wird. Er schlug ein und aus bekannten Gründen kam er in der Halbzeitpause quer durch den VIP-Raum mit einem Spaten auf mich zu. Fairerweise habe ich den Rasen ganz gelassen.

Zurück nach Duisburg. Du hast den MSV und seine Fanszene über viele Jahre in ihrer Entwicklung beobachten können. Wie beurteilst du den Status Quo und wie könntest du damals und heute vergleichen?

Dadurch, dass ich immer den persönlichen Kontakt zu allen Gruppen gesucht habe, habe ich den Eindruck gewonnen, dass man mit allen Gruppierungen reden konnte. Über meine 25 Dienstjahre kamen da so einige Gruppen und Gespräche zusammen. Im Kern stehen wir aber doch alle für die gleiche Sache und die gleichen Farben im Stadion. Einen Vergleich finde ich da sehr schwierig, da sich auch immer die Gegebenheiten geändert haben.

Das alte Wedaustadion hat immer einen ganz besonderen Charme versprüht. Das Stadion, wie es heute in Duisburg steht, ist eher zweckmäßig errichtet worden, wobei es sich trotzdem vom heutigen Einheitsbrei in der Stadionlandschaft abhebt. Der Trend geht zu Arenen mit einem großen VIP Bereich, dem sich aber kein Verein aus wirtschaftlicher Sicht entziehen kann. Ich erinnere mich an die Zeit nach der Loveparade, als in Duisburg jedes Gebäude aus baulicher Sicht auf den Kopf und jedes Konzept in Frage gestellt wurde. So auch in Duisburg: auf einmal war ein Tor zwei Zentimeter zu schmal. Dieses war - seit Fertigstellung des Stadions - an dieser Stelle und wurde auch schon mehrfach abgenommen. Ursprünglich durften deshalb 3.000 Plätze nicht verkauft werden - mithilfe einer Flex lösten wir das Problem und konnten die benötigten zwei Zentimeter gewinnen. Das war eine Zeit, als die gesamte Welt auf Duisburg geschaut hat.

Aktuell ruht nicht nur der Sport in Deutschland, auch das gesamte öffentliche Leben steht nahezu still. Ob und wie es sportlich weitergeht, vermag niemand zu sagen. Was denkst du, wie es im Profifußball weitergeht?

Ich denke, die getroffene Entscheidung bis mindestens zum 30. April nicht zu spielen, ist richtig. Ich bin mir aber auch sicher, dass es dann nicht weitergeht und die Saison bis Ende Juni nicht zu Ende gespielt werden kann. Man sollte die Saison abbrechen und die Ligen aufstocken, sodass es keine Absteiger gibt. Das geht ja durch alle Ligen und fängt ganz oben mit den Teilnehmern für die europäischen Wettbewerbe an. Durch eine Aufstockung der Liga stehen ja automatisch mehr Spiele an, sodass auch mehr Sponsoringgelder zusammen kommen können. Es gibt unendlich viele offene Fragen. Was passiert mit Spielerverträgen, die nur bis zum 30. Juni gültig sind? Wie ist es, wenn ein Spieler einen deutlich besser dotierten Folgevertrag unterzeichnet hat? Wird ihm ein Ausgleich gezahlt? Was passiert, wenn sich ein Spieler nach dem 30. Juni verletzt, aber eigentlich schon bei einem neuen Verein wäre? Egal, welche Szenarien man durchspielt, die aktuelle Saison muss bis zum 30. Juni beendet werden - am besten durch einen Abbruch. Je länger man es hinauszögert, desto schwieriger wird es auch aus terminlicher Sicht. Ich denke, uns stehen noch spannende Wochen bevor.

Wie schätzt du die Lage für den MSV ein und was würdest du dir von den Fans wünschen?

Die Lage für den Verein ist sehr ernst. Mit jedem ausgefallenen Spiel verliert der MSV über eine Viertelmillion Euro. Spieler müssen sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst sein und mit gutem Beispiel voran gehen, sei es durch Gehaltsverzicht oder Role-Modeling in den sozialen Netzwerken. Vielen Leuten fällt zur Zeit die Decke auf den Kopf, aber sie blicken zu ihren Idolen empor. Auch Ultras spielen in der Gesellschaft eine wichtige Rolle, denn viele Dinge sind über die letzten Jahre weggebrochen. Die bundesweiten Plakataktionen sind beispielsweise fast ausschließlich der Ultra-Szene zuzurechnen.

Die Fans leisten momentan wieder unglaublich viel für den Verein. Die Aktion mit dem Blutspenden finde ich richtig geil! Die Fans investieren über das Jahr so viel ihrer Zeit und ihres Geldes für den Verein und müssen jetzt auch noch Kurzarbeit oder Ähnliches ertragen. Mit dieser Aktion kann man etwas Gutes tun, sowohl für den Verein, als auch für die Gesellschaft. Das ist etwas, was jeder gesunde Mensch leisten kann, ohne finanzielle Mittel aufwenden zu müssen. Das finde ich richtig gut!

Aber auch eure Kampagne „DU gegen Covid-19“ mit einer T-Shirt Sonderedition finde ich großartig. Zudem wird das gesamte Projekt mit ausschließlich Duisburger Unternehmen realisiert. Da steckt unglaublich viel Arbeit hinter und dazu kann man nur Danke sagen. Das ist gelebte Solidarität! So kommen Fans nicht nur an ein schickes Shirt, sondern auch die Duisburger Wirtschaft profitiert direkt davon. Eben ‚Made in Duisburg‘!

Lieber Michael, vielen Dank für das tolle Interview, auch wenn wir es, der Situation geschuldet, nur telefonisch führen konnten. Das Bier im Stadion und der Kaffeetreff sind nur aufgeschoben.

Autor: Marcel Eichholz
Datum: 07.04.2020
gelesen: 88 mal

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